Vereinbarkeit als Fitnessprogramm
Jedes Wochenende beglückt mich dm mit einem Gratismagazin rund um die Themen: Schönheit, Gesundheit und was man sonst noch alles kaufen kann. Meistens blättere ich es durch, lese hie und da auch einen Absatz daraus. Doch diesesmal lässt mich ein Artikel nicht mehr los. Neben dem großformatigen Photo einer jungen, durchgestylten Frau in hellbeigen Mäntelchen und weiß gewandetem Baby auf dem Arm prangt der vielversprechende Titel: Unbemerkte Kalorienkiller. Propagiert wird das “Fitnessprogramm, das weder Zeit noch Geld kostet”. Es besteht aus: “staubsaugen, einkaufen, telefonieren, kochen …”
Im Folgenden wird der Alltag einer Marie geschildert, die morgens zwei Kinder versorgt, die Betten richtet, acht Stunden arbeitet (in einem Büro, in dem sie die meiste Zeit – sechs Stunden – mit Tippen verbringt), am Heimweg einkauft, die Kinder vom Kindergarten abholt, mit den Kindern spielt, kocht, putzt, staubsaugt, danach den Rasen mäht, die Hecke schneidet und die Wand in der Küche neu ausmalt (weil ein Kind zum Spaß Nudeln mit Tomatensoße an die Wand schmeißt – macht der liebevollen Mutter aber nichts aus, da ein Sohn schon immer eine rote Wand wollte und ausmalen doch schnell erledigt ist). Um halb acht (!) ist alles erledigt und der arme durch Überstunden erschöpfte Gatte betritt die Bühne. Er darf sich ausruhen, während sie noch schnell Klavier spielt. Danach werden die (bis dahin sicherlich friedlichen, gut ausgeruhten Kleinkinder) gemeinsam ins Bett gebracht (ganz der liebevolle Familienvater). Das Ehepaar trinkt Wein, sieht einen Liebesfilm im Fernsehen und hat anschließend noch erfüllten Sex (als vergnügliche “eheliche Pflicht” umschrieben)
Die Frau hat alles gemacht, was sie musste (Sex ist die Draufgabe) und hat dabei genug Kalorien verbrannt. Wenn sie sich dabei gesund ernährt hätte, würde sie jetzt mit einer Traumfigur belohnt.
Diesen Artikel schleppe ich mit mir rum. Ich kaue an dem Frauenbild, das hier vermittelt wird. Natürlich ist es überzeichnet und darf nicht ganz ernst genommen werden. Aber ist es das wirklich? Ist es nicht genau dieser Spagat zwischen Haushalt, Arbeit, Kindern, Partner, der Frauen “umbringt”, ins burn-out, in die Tabletten- und Alkoholsucht treibt, sie krank macht und verzweifeln läßt? Ist es nicht das Bild der perfekten Frau, die eine liebevolle Mutter, perfekte Hausfrau, beruflich erfokgreich und attraktive Geliebte ist. Das Bild, das in den Hinterköpfen sitzt und gegen das immerzu angerannt wird.
Marie erledigt selbstverständlich alle Wege zu Fuß und benützt keinen Fahrstuhl. Die hübsche Frau vom großformatigen Photo begegent der Leserin auf einem kleineren Bild wieder. Jetzt sind auch der schwarze Minirock und die Riemchenhighheels sichtbar.
Sicher sollte ich den Artikel nicht ernst nehmen, die ganze Zeitung nicht ernst nehmen. Aber ich finde es bedenklich und bedrohlich, wenn dieses Frauenbild transportiert wird. Wenn Frauen und Männern suggeriert wird, dass Frauen für all diese Tätigkeiten zuständig sind, dass die Vereinbarkeit von Haushalt, Kindern und Beruf ein Kinderspiel – oder noch besser so etwas wie ein kostenloses Fitnesszentrum ist.
Der Artikel zum Reinlesen:

stefon schrieb am 31 Okt 2008 um 11:10 am ¶
Danke für die Info. Ich kann gut verstehen dass du daran kaust, Würde ich auch.
Ich glaube auch nicht dass jetzt plötzlich nach 1000enden jahren Unterdrückung der Frau nach 40 Jahren sexueller Revolution alle Geschlechterbilder vergessen sind…
Leider natürlich…
Aber danke für den wichtigen Hinweis!
Anita Pleschko schrieb am 31 Okt 2008 um 2:53 pm ¶
gern geschehen